Im christlichen Blick - Pastoraler Raum Arnsberg

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An dieser Stelle finden Sie jede Woche ab Freitags einen Beitrag (ca. 3 Minuten) zu einem aktuellen Thema unter dem Titel

            
                                                                   48/ 24. November 2017

Vor dem Landgericht in Essen wird zurzeit über Gier und Habgier verhandelt. Können wir uns vor einem Begehren müssen schützen?
Nicht Begehren müssen ist Glück
1.
Was gerade vor dem Landgericht in Essen verhandelt wird, ist verstörend. Ein 47-jähriger Apotheker ist angeklagt, Medikamente für Krebspatienten gefälscht zu haben. Statt wirksamer Medikamente soll er Kochsalzlösungen als Infusionen und Spritzen ausgeliefert und so Krankenkassen um etwa 56 Millionen Euro betrogen haben. Geld, das er für sich selbst behalten hat, wie die Anklage sagt. Und das er zu einem kleinen Teil für wohltätige Zwecke in seiner Heimatstadt Bottrop ausgegeben habe. Die vier Verteidiger des Angeklagten bestreiten das und werfen der Staatsanwaltschaft vor, nicht genau ermittelt zu haben. Viele Krebspatienten verfolgen den Prozess und sind nicht mehr sicher, ob der Apotheker ihnen hilfreiche oder wirkungslose Medikamente hat zukommen lassen. Die Nebenkläger sprechen von „Mordversuchen“.
Das Verfahren erregt große Aufmerksamkeit. Es könnte sein, dass hier ein Mensch seine Gier auf Kosten schwerkranker Menschen befriedigen wollte.
2.
Gier oder Habgier ist eine schreckliche Eigenschaft. Im christlichen Denk- und Sprachraum zählt sie zu den sieben Todsünden. Gier ist unbedingtes Habenwollen. Das Verlangen besetzt den Menschen. Viele können nichts anderes mehr Denken und Empfinden als eben das „unbedingte Habenwollen“, das Besitzen müssen von Geld, Sachen oder Menschen. Alles ordnet sich dem Begehren unter und wird beherrscht von der Frage: Wie komme ich an mein Ziel?
Der Apotheker gilt selbstverständlich als unschuldig, solange er nicht verurteilt ist. Der Verdacht aber und die Unterlagen der Staatsanwaltschaft sind ungeheuerlich: Auf Kosten von Todkranken Millionen zu verdienen.
3.
Solche Habgier ist eine Krankheit der Seele. Wer von etwas besessen ist, kann sich nicht einfach davon lösen. Man braucht Hilfe; Hilfe der Angehörigen und Hilfe von Ärzten wie bei anderen Süchten auch.
Womöglich kann man sich selbst aber etwas schützen, wenn man kleinere Formen von Besessenheit an sich oder Bekannten erlebt. Wir sollten einander beistehen, wenn es um angeblich „Unbedingtes“ geht, um ein Habenwollen um beinahe jeden Preis. Hilfreich ist, sich und andere dann infrage zu stellen: Muss es wirklich sein? Warum? Geht es nicht anders? Fragen und Nachdenken hilft manchmal. Sich infrage stellen zu lassen hilft, vom Unbedingten etwas Abstand zu finden.
Helfen kann auch, das eigene Leben und das Leben anderer in ein anderes Licht zu stellen. Unbedingt und von Dauer ist nichts im Leben, auch wenn man sein Begehren erfüllt hat. Davon weiß die Bibel und sagt (Psalm 39,6-7): Wie gar nichts sind alle Menschen … sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird.
Im Licht der Vergänglichkeit wirkt manches Habenwollen eher peinlich oder beschämend. Erst das Nicht-begehren-müssen ist Glück.
Michael Becker
mbecker@buhv.de
24.11.2017
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